Aus Hörsaal mach Theatersaal

Aus Hörsaal mach Theatersaal

Letzte Woche Freitag fand zum achten Mal der Talentwettbewerb „Offene Bühne“ statt, zu dem die Hochschulinitiative „Uni Spirit“ einmal im Semester einlädt. Wie unsere bAStA-Redakteure Lisa und Adam den Abend erlebt haben, lest ihr hier.

Es ist dunkel. Die Atmosphäre in Hörsaal A3 ist eine andere als sonst. Scheinwerfer tauchen das Audimax in lila-blaues Licht. Die Empore, auf der normalerweise Profs dozieren, wurde zur Showbühne verwandelt. Nun füllen sie Mikrophone, Lautsprecher, Musikinstrumente und leuchtende LED-Stehlen aus. Über allem ragt das Logo der Event-Initiative „Uni Spirit“, das die Beamer gleich doppelt an die Wand projizieren. Am heutigen Freitagabend ist es wieder soweit: Der Talentwettbewerb „Offene Bühne“, der sich einmal im Semester ereignet, findet statt.

Der Saal ist rappelvoll. Ausverkauft. Um 20 Uhr wurde das Publikum eingelassen. Die Hälfte der Eintrittskarten sind erst kurz vorher an der Abendkasse verkauft worden. Mit Getränken versorgt – zur Auswahl stehen Wein, Bier und AfGs – nehmen die Studierenden platz. Um 20:20 Uhr betreten die Moderatoren die Bühne: Die „Spiritler“ Jessie (3. Semester Soziologie) und Lukas (Psychologie) begrüßen das Publikum. Sie in einem schicken blauen Kleid, er lässig-leger mit schwarzem Hemd. Beide erklären den Ablauf des Abends: Über zwei Runden stellen sieben Kandidatinnen und Kandidaten ihr Talent dem Publikum unter Beweis, das im großen Finale mittels Applaus den oder die GewinnerIn küren soll.

Lukas muss noch eine Hommage an das Konzept der Offenen Bühne loswerden, welches in seinen Augen über die Jahre rasant expandiert sei. Er macht darauf aufmerksam, dass der Talentwettbewerb, der erstmals vor vier Jahren im vergleichsweise winzigen Arkadentheater Premiere feierte und zwischenzeitlich vergrößert in der Aula stattfand, mittlerweile den größten Hörsaal der Uni Mannheim füllt. Und außerdem: „Unser Format existiert mittlerweile länger als eine Bachelor-Generation. Darauf sind wir stolz“.

Bevor es losgeht, übt das Moderatorenpaar mit dem Publikum den Applaus. Abhängig davon, wie laut dieser ausfällt und wie viele Leute es von den Sitzen reißt, werden die Teilnehmer in die nächste Runde gewählt. Diese Trockenübung erschien notwendig, da drei Viertel der Zuschauer zum ersten Mal bei der Offenen Bühne dabei sind.

Dann kann es endlich losgehen. Den Anfang macht die Band Black & White September mit „Californication“ von den Red Hot Chili Peppers. In Ludwigshafen hatten sich die fünf Studierenden erst vor zwei Monaten gegründet. Dennoch ist der heutige Auftritt nicht ihr erster auf dem Campus. Vor gerade einmal ein paar Wochen spielten sie auf der Eröffnungsfeier des neuen Fakultätsgebäudes B6 für Medien- und Kommunikationswissenschaften (die bAStA berichtete). Der Sound klingt gut und reicht erstaunlich nah an das Original heran.

Danach muss umgebaut werden. Die Instrumente müssen für die nächste Performance weichen. Trotz des extra für Bühnenarbeiten engagierten Teams dauert das sehr lange und den Moderatoren gelingt es nicht, diese Unterbrechung elegant zu überbrücken. Dann geht es weiter. Als nächstes Manoj Gupta an der Reihe, der die Zuschauer mit einer Stand-up-Comedy-Einlage bespaßt. Sein Indisches Englisch, Manoj ist Auslandsstudent aus Indien, trägt dazu bei. Er erzählt von seinem gefürchteten Vater und Ausrutschern, die er in seinem Leben schon zustande gebracht hat. Dem Publikum gefällts.

Weiter geht es mit Ingrid. Ihren richtigen Namen (Xinyun Lu) wagt Gastgeber Lukas nicht auszusprechen. Sie versucht, mit einer traditionellen chinesischen Tanzeinlage zu überzeugen. Barfuß und mit einem großen blauen Fächer stellt sie ein Mädchen da, dass auf ihren Geliebten wartet. Aus dem Lautsprecher ertönt eine sanfte asiatische Melodie. Das Publikum schaut gebannt zu und gibt keinen Laut von sich. Nach fünf Minuten endet sie und erntet tosenden Applaus. Witzigerweise war Ingrid zunächst gar nicht klar, was sie am heutigen Abend erwartet, wie sie der bAStA berichtet: „Als ich mich vor ein paar Wochen bewarb, bin ich davon ausgegangen, bei der Offenen Bühne handele es sich um eine lockere Party, zu der jeder Teilnehmer mit seinem Talent beitragen kann. Zur Erkenntnis, dass ich mich zu einer Talentshow angemeldet hatte, bin ich erst vor kurzem gelangt.“ Und dennoch habe sie an diesem Abend großen Spaß, erklärt sie.

Es folgt der vierte Auftritt: Ausma und Camille verzaubern den Saal mit einem französischem Chanson („Le vent nous portera“). Camille, die Politikwissenschaft in Frankreich studiert, singt mit zärtlicher Stimme und wird dabei von Ausma, MKW-Studentin aus Riga, auf der Akustikgitarre begleitet. Mindestens genauso bemerkenswert wie der authentische Auftritt ist die Geschichte dahinter: Beide verbringen derzeit ihr Auslandssemester in Mannheim und haben sich bei dieser Gelegenheit kennengelernt. Schnell überredete die eine die andere, bei der offenen Bühne aufzutreten. Somit ist die heutige ihre erste gemeinsame Darbietung vor Publikum.

Bevor es weitergeht, soll zunächst das Publikum darüber entscheiden, welche zwei Kandidaten ins Finale vorrücken sollen um bei dieser Gelegenheit eine weitere Performance aus ihrem Repertoire vorzustellen. Die Moderatoren Jessie und Lukas bitten alle Teilnehmer der ersten Runde dafür nochmals einzeln nach vorne – der Saal ist jedes Mal begeistert. Lautstärkeunterschiede lassen sich nur schwer feststellen. Jeder Act hat überzeugt. Gerade deswegen kommt Technik zum Einsatz – laut Uni Spirit sollen sich „Spiritler“ unters Publikum gemischt haben, um den Geräuschpegel via Smartphone-App zu ermitteln. Nach einigen Sekunden kommt schließlich ein „Spiritler“, um das amtliche Ergebnis der Applaus-Messung hoch offiziell in einem goldenen Umschlag an das Moderatorenduo zu überreichen. Aus diesem geht hervor, dass Tänzerin Ingrid und Comedian Manoj weiterkommen.



Nach einer zehnminütigen Halbzeitpause beginnt die zweite Runde, in der drei weitere Acts folgen. Wieder gibt es Musik. Auf der Bühne nimmt Tobias Peng hinter einem Keyboard platz: „Ich werde die Gelegenheit nutzen, um mit dem Klischee aufzuräumen, dass Chinesen nur ruhige Stücke am Klavier spielen“. Das Gegenteil wolle er beweisen und „rocken“. Es folgt das Cover eines Linkin Park-Songs, dass fließend übergeht in “Two Steps from Hell”, bekannt aus „Joko und Klaas – Das Duell um die Welt“. Die Überleitung ist interessant, die Interpretation der Stücke entgegen der Ankündigung aber doch recht ruhig. Das Publikum stört das nicht. Es wird sichtbar, dass er die Musik fühlt. Einige Zuschauer schwingen sogar ihr Handylicht zum Takt. Was Tobias da gelingt, wird mit dem bisher begeistertsten Applaus gewürdigt. Es gibt Standing Ovations, was vielleicht auch an der guten Songauswahl liegt, denn Linkin Park zieht immer.

Dann wird es voll auf der Bühne. Die Theatergruppe „Everlasting Energy“ setzt das Programm mit einer Schauspielperformance über Gott durch. Zunächst macht er die Protagonistin, eine ahnungslose und junge Frau, mit den positiven Facetten des Lebens vertraut. Als sie schließlich auf sich allein gestellt durch die Welt gehen muss, lernt sie die Schattenseite kennen: Unglückliche Liebe, Alkohol, Geld, Eitelkeit und Drogen werfen sie aus der Bahn und bringen sie beinahe bis ins Grab, doch kurz vor knapp ist Gott zur Stelle und nimmt sie vor all diesen Gefahren in Schutz. Die sechs Stunden Probe haben sich gelohnt, denn was „Everlasting Energy“ da mit ausdrucksstarken, pantomimischen Bewegungen performt hat, kommt an. Mit einer einzigen Probe ist die Gruppe ausgekommen und das, obwohl kaum einer der acht Darsteller Bühnenerfahrung besitzt. Denn in Wahrheit ist „Everlasting Energy“ gar keine Theatergruppe: Die jungen Erwachsenen sind Teil der Initiative Floor One des CVJM Mannheim. Ihr Gruppenleiter hatte sie als Gag bei der Offenen Bühne angemeldet. Bis zum Aufritt war nicht mehr viel Zeit. Von diesem ungewöhnlichen Umstand war auf der Bühne nichts zu spüren.

Es ist Zeit für den letzten Auftritt der Vorrunde. Auch hierbei ist wieder Musik vorgesehen. Drei Jungs, unter ihnen Kenzo Weiss, ehemals Harfenist, nehmen auf der Bühne platz. Dieser erklärt, dass er selbst den nun folgenden Song geschrieben hat: „Es ist ein Abschiedssong, den ich vor meinem Auslandsjahr in Japan geschrieben habe. Ich muss gestehen, dass ich seit über einem Jahr davon träume, hier oben zu stehen. Nun ist es soweit!“. Was relativ sentimental begann, entpuppt sich als eine mitreißende Soul-Nummer. Kenzo spielt jetzt Akustikgitarre und singt mit sanfter und doch rhythmischer Stimme. Die anderen beiden unterstützen ihn mit Cajón und E-Bass. Das Publikum kann sich kaum noch halten.

Erneut wird abgestimmt, wer ins Finale darf. Diesmal wird die Entscheidung nicht leichter fallen. Tobias Peng und Kenzo Weiss überstehen knapp das Auswahlverfahren gegen die starke Konkurrenz. Somit stehen die vier Finalisten fest. Jetzt ist zu hoffen, dass sie auf diesen Fall vorbereitet sind und weitere Darbietungen in petto haben – rechnen tut man ja nicht immer fest damit. Das gilt nicht für Kenzo. Er gibt zu, sich große Hoffnungen auf das Finale gemacht zu haben: “Ich habe sowohl Vertrauen in meine Songs als auch in mein Selbstbewusstsein und möchte beinahe sagen, dass ich nochmal auftreten werde, habe ich erwartet.“ Nur seine „Band” hat er erst vor Kurzem zusammengetrommelt.

Finale: Erneut darf das Publikum über Manojs Kindheitsanekdoten sowie seine etwas andere Sicht auf Feminismus lachen (“Ist ja alles schön und gut, aber müssen wir jetzt anstatt Mannheim, Personenheim sagen?”). Auch Ingrids Tanzkünste darf man ein weiteres Mal, allerdings ist Teil zwei, ähnlich wie bei Manoj, weniger überraschend und überwältigend, als die Premiere in Runde eins. Die Zuschauer sind trotzdem begeistert. Als dritter und vorletzter Final-Act, erklingt im Hörsaal A3 erneut ein Pianocover von Linkin Park, das Tobias Peng, wieder mit Gefühl und Hingabe meistert. Auch Kenzo Weiss und Band haben kein Grund, sich über ihren Applaus beklagen, den sie nach einer weiteren R&B-Nummer ernteten. Spätestens nach dieser Glanzleistung muss man sich wirklich fragen, warum Kenzo erst dieses Jahr seinen Traum, auf der offenen Bühne zu spielen, realisieren darf: Im letzten Jahr wurde er scheiterte er nämlich beim Casting. Alle Bewerber müssen mithilfe eines Videos zunächst eine Jury überzeugen, um zur „Offenen Bühne“ zugelassen zu werden.

Nach weiteren Applausmessungen und einer wiederholt zu langen Pause, die diesmal mit mehr oder weniger witzigen Flachwitzen zu überbrücken versucht wurde, stehen die Gewinner schließlich fest: Auf dem vierten Platz landet Ingrid, Manoj darf sich mit dem dritten Platz rühmen. Dafür gibt es Bücher von einem auf dem Campus omnipräsenten Buchhändler und Eisgutscheine. Richtig spannend wird es dann bei der Erst- und Zweitplatzierung. Der Mehrheit der Anwesenden wird es schon während der Applausmessung aufgefallen sein: Am Meisten bewegt und berührt haben eindeutig Kenzo und Band, die sich neben Büchern und Eis über einen vom Publikum gefüllten Geschenkbeutel freuen können. Auf den Hinweis von Moderatorin Jessie auf den originellen Hauptpreis in Form eines Friseurgutscheins reagiert das Publikum stark amüsiert. Zur Belohnung darf der Sieger ein drittes Mal performen. Dafür behält sich Kenzo einen Solo-Auftritt vor diesmal. Mit einem gefühlsbetonten Schmusesong, erneut aus eigener Feder, verzaubert er nicht zuletzt das weibliche Gemüt und beschert dem Abend nach fast drei Stunden ein stimmungsvolles Ende.

Es gewinnt ein hochtalentierter junger Künstler, der sich mit selbstgeschriebenen Songs einen klaren Vorteil gegenüber der starken Konkurrenz einzuholen wusste. Er steht für einen durch eine Vielzahl sehenswerter Auftritte in der abwechslungsreichen Mischung Musik, Tanz, Theater und Comedy geprägten Abend – so international wie noch nie. Zähe, durch Umbaupausen und Tonprobleme verursachte Minuten sollen diesen Eindruck nicht trüben, denn wir wissen: Hinter der Organisation steckt eine lebendige Hochschulinitiative und keine leidenschaftslose Eventagentur.

Von Lisa Weber und Adam Aach