Mannheim Forum 2018: Mehr miteinander und weniger übereinander

Mannheim Forum 2018: Mehr miteinander und weniger übereinander


Teil III


Schon am Auftaktabend wurde das Thema „Multikulturalismus vs. Leitkultur. Was verbindet unsere Gesellschaft?“ in den zahlreichen Begrüßungsworten aufgegriffen und von den Teilnehmern als jener Vortrag genannt, den sie mit besonderer Spannung erwarten. So war es nicht verwunderlich, dass sich der Hörsaal SO108 am vergangenen Freitagmittag schnell füllte.

Die Moderation zu diesem spannenden Thema führte Dirk Emig, Ressortleiter für Aktualität beim Hessischen Rundfunk. Er ist in diesem Jahr bereits zum fünften Mal beim Mannheim Forum dabei. Nach einigen einleitenden Worten an das Publikum, dass dies „unser Thema“ sei, da wir jung wären und uns alle Perspektiven offen stünden, stellte Emig die anwesenden Referenten vor: Muhterem Aras, Präsidentin des Baden-Württembergischem Landtags und Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, Boris Palmer von den Grünen und Oberbürgermeister der Stadt Tübingen sowie Abdul Abbasi, ein aus Syrien stammender Geflüchteter, der auf seinem YouTube-Kanal mit arabischen Untertiteln den German Lifestyle erklärt. Martin Lauterbach vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge konnte aufgrund einer Krankheit nicht am Diskurs teilnehmen.

Boris Palmer konnte bei der kurzen Vorstellung der anwesenden Redner zunächst einmal Sympathie-Punkte einheimsen, weil er dafür sorgte, dass auch Abbasi, dessen Applaus in der Vorstellungsrunde etwas übersprungen wurde, ausreichend Begrüßungsbeifall bekam. Er eröffnete die Debatte, indem er sowohl auf die Herkunft des Begriffs Leitkultur als auch auf die Videobotschaft von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth vom Vorabend einging: Multikulturalismus sei keine Verheißung sondern Realität, die mehr brauche als das von Roth genannte Grundgesetz als Leitkultur, denn Leitkultur seien nicht nur Gesetze, sondern auch das, was daneben unser Leben präge. Palme störe sich zwar an Kopftüchern, dennoch sollte man bei diesem Thema vorerst noch keine Kleidervorschriften gesetzlich durchbringen. In diesem Punkt stimmte ihm Aras zu, die unterstich, dass sie hier nicht als Grüne, sondern als Landtagspräsidentin auftrat. Auch ihr gefalle das Kopftuch nicht, doch sei für sie die Religionsfreiheit wichtiger. Wer wolle, könne ein Kopftuch tragen, gegen die Vollverschleierung sprach sie sich jedoch klar aus. Besonders öffentliche Ämter sollen frei von religiösen Einstellungen und neutral zu begleiten sein. Diese Zeiten seien eine Herausforderung für uns alle, doch an den Grundgesetzen lasse sich nicht rütteln. Auch Abbasi konnte sich den vorangegangenen Meinungen anschließen. Laut ihm dürfe man die Freiheit derer, die das Kopftuch mit Überzeugung tragen, nicht einschränken, nur weil bei einigen der Zwang dazu besteht. Auf Emigs Frage, ob Aras glaube, wir wären bisher zu tolerant gewesen, hatte dieser eine kurze und prägnante Antwort: „Zum Teil ja, da wir Toleranz falsch ausgelegt haben“.


Das Podium: Muhterem Aras, Abdul Abbasi, Moderator Dirk Emig sowie Boris Palmer.


Für einige Lacher in dieser sonst recht ernsten Diskussion sorgte Abbasi, der meinte, dass wir alle nicht so verschieden seien. Zwar gebe es sprachliche und historische Unterschiede, insbesondere in der Esskultur, Syrer wie er seien aber nicht so „süchtig nach Kartoffeln, es gibt sogar Shots aus Kartoffeln“. Kleinigkeiten würden ihm und seinen Freunden das Gefühl geben, alle seien gleich trotz dieser Unterschiede. Einen interessanten Ansatz trug auch Palmer zur Debatte bei, denn „Hilfsbereitschaft ist eine Freiwilligkeit“ und das Aufnehmen von Flüchtlingen löse das Problem an sich nicht. Deutschland habe eine moralische Verpflichtung direkt vor Ort zu helfen, denn Menschenrechte gelten nicht nur bei uns: Man solle die Welt besser machen. Er sprach sich für legale Fluchtwege aus, damit man genau die kommen könnten, die in größter Not sind. Man müsse akute Hilfe leisten und dafür sorgen, dass nicht nur junge Männer mit genügend Geld kommen können, sondern vor allem Behinderte, Alte und Kranke sowie Frauen.

Ein bisher oft vernachlässigter und nun von Abbasi angesprochener Aspekt ist, dass nicht unbedingt nur die Deutschen Angst vor Geflüchteten hätten, sondern auch umgekehrt. Man stehe als Geflüchteter vor zwei Möglichkeiten: Entweder man isoliere sich oder man integriere sich und lerne sich gegenseitig kennen. Auch Abbasi habe anfangs Vorurteile über Deutschen gehabt, weil er dachte, alle würden wie Oliver Kahn aussehen und Bier trinken („Gut, alle trinken Bier“). Aber er habe auch keine Lust mehr, dass alle über die Geflüchteten sprechen statt mit ihnen.

Da das Thema Flüchtlinge nie ohne die Erwähnung der AfD einher geht, sprach auch Emig dies an: Für Aras stelle die Partei kein Problem dar, weil sie demokratisch gewählt wurde, doch seien Flüchtlinge wegen ihres Migrationshintergrunds aus ihrer Sicht eine „lebende Provokation“. Jedoch störe sich Aras auch daran nicht, denn das Grundgesetz gelte für alle und nicht nur für diejenigen, die neu zugewandert sind. Ihre Position als Landtagspräsidentin sei ein demokratisch gewähltes Amt, so Aras. Ein demokratischer Staat wie Deutschland müsse unterschiedliche Meinungen aushalten.

Auch Emigs Schlussfrage, was sich die Anwesenden für Deutschland wünschen, wird wieder weitgehend einstimmig beantwortet: Abbasi hofft, dass man mehr an den gegenseitigen Ängsten arbeitet. Dies sei bisher nicht in ausreichender Form geschehen. Außerdem sei Integration nicht einseitig – kein stures Lernen der Sprache, Gesetze und Werte. Man brauche Zeit, um an persönlichen Einstellungen zu arbeiten und solle die Diskussionen suchen, satt sie zu stoppen oder im Vorfeld zu verurteilen. Auch Aras möchte, dass man sich gegenseitig Zeit nimmt und auch Zeit gibt, denn: „Wir schaffen das, brauchen dafür aber Zeit. Zeit zum Identifizieren mit Werten“. Bei bestimmten Grundwerten sehe sie aber keinen Spielraum für Debatten, da habe sie keine Toleranz. Deutschland habe ein Problem mit Debatten, ergänzt Abbasi, man müsse mehr mit den Menschen reden, nicht nur übereinander. Und vor allem aufhören, gegenseitig Mauern hochzuziehen.

Von Ines Hickl